Radikalisierung im Internet

Die radikal-islamistischen Gruppen vertreten eine rückwärtsgewandte Ideologie, die den modernen Lebensstil, wie er vor allem in den westlichen Staaten geführt wird, ablehnt. Moderne weltliche Erkenntnisse werden oft nicht akzeptiert, wenn sie nach Ansicht der Islamisten nicht den gottgefälligen Anforderungen des Korans entsprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Islamisten moderne Medien wie das Internet ablehnen. Ganz im Gegenteil. Das Internet bietet eine hervorragende Plattform für Islamisten, um ihre Ideologie zu verbreiten und für ihre Sache zu werben. Islamistisch-terroristische Netzwerke benutzen das Internet als geeignetes und schnelles Kommunikationsmittel. Noch nie war es so einfach, ihr gefährliches Gedankengut zu verbreiten. Die Anzahl von Dschihad-Webseiten wird etwa auf 5000 geschätzt. Dies verdeutlicht, wie wichtig das Internet für islamistische Gruppen geworden ist.

Unzählige islamistische Propagandavideos kursieren im Netz. Sie werden in diversen Foren, Social-Media-Plattformen und Videokanälen sowie über E-Mails, Blogs etc. rasant verbreitet und erreichen zahlreiche Menschen. Besonders junge Menschen, die mit dem Internet vertraut sind und viel Zeit im Netz verbringen, gelten als wichtigste Zielgruppe für islamistisch motivierte Gruppierungen. Die Internetpropaganda ist ein ganz wesentliches Element der heutigen Islamisten. Die Bilder oder Videos, die sie ins Netz stellen, sind oft der entscheidende Faktor, der zu einer Radikalisierung von jungen Menschen führt. In den Propagandavideos sind etwa US-Kampfhubschrauber zu sehen, die Zivilisten niederschießen und das Leiden der Muslime in der Welt darstellen sollen. Dadurch schüren die Islamisten ein Opferbild, das zu einem Widerstand gegen die westlichen Mächte und gegen alle Ungläubigen animieren soll. In anderen Videos werden die Terroristen und Märtyrer, die sich den Ungläubigen widersetzen, zu Helden stilisiert und stets heroisch inszeniert. Der Heldentod wird als ehrenwerte Tat dargestellt.

Die Propagandamaschinerie des Islamischen Staates (IS)

Besonders erfolgreich ist der Islamische Staat (IS) mit seiner Internetpropaganda. Man fragt sich, was mit einem jungen Menschen, der noch nie eine Moschee betreten hat, passiert ist, dass er für den IS in den Krieg zieht. Die meisten Dschihadisten, die aus dem Ausland nach Syrien gereist sind, um sich dem IS anzuschließen, haben eins gemeinsam: die Radikalisierung über das Internet. Das Internet durchbricht alle räumlichen und zeitlichen Grenzen, ist leicht zugänglich und hat eine sehr hohe Reichweite. Diese Faktoren spielen den Terroristen in die Karten. Für viele junge Menschen wird die virtuelle Realität wichtiger als das soziale Umfeld. Früher wurden Dschihadisten in den Moscheen oder Sportklubs von einem Imam rekrutiert. Auf die Rekruten wurde unmittelbar eingegangen. Über diesen traditionellen Weg werden weiterhin Kämpfer rekrutiert, aber der Dschihad verlagert sich immer stärker ins Internet. Selten passiert es, dass die Jugendlichen gezielt nach terroristischen Vereinigungen im Internet suchen. Die Initiative ergreifen in den meisten Fällen die Dschihadisten. Das Internet bringt Menschen zusammen, die sich unter normalen Umständen niemals treffen würden. Sie haben die Möglichkeit, zu diskutieren und sich auszutauschen. Der IS weiß, wie er die Aufmerksamkeit dieser meist sehr jungen Menschen bekommt. Er langweilt nicht mit komplizierten Koranversen, die keiner versteht. Vielmehr lassen die Terroristen die Sprache der Bilder sprechen. Die audiovisuellen Botschaften der IS richten sich an die Jugend von heute. Sie liefern schnelle, einfache und verständliche Antworten. Sie zeigen militärische Einheiten, die überirdisch erscheinen. Diese Videobotschaften sind so effektiv, weil das Medium Film starke Emotionen hervorruft. Deshalb produzieren die Dschihadisten zahlreiche Propagandafilme, die im Internet verbreitet werden. Sie arbeiten mit professionellen Produzenten zusammen, die qualitativ hochwertige Filme drehen. Der IS hat sogar einen eigenen Sender gegründet, der die Ideologie der islamistischen Extremisten propagiert. Während die al-Qaida in ihren Propagandavideos auf eintönige und lange Monologe setzte, hat der IS den Nerv der Zeit getroffen. Er orientiert sich an aktuellen Trends, die für junge Menschen attraktiv sind.

Wer lässt sich von solch einer Propagandamaschinerie verführen? Meistens sind es emotional unausgeglichene junge Menschen, die aus sozial und wirtschaftlich schwachen Verhältnissen stammen. Junge Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Menschen am Rande der Gesellschaft sind die einfachsten Ziele der Dschihadisten. Die meisten Rekruten der IS sind Muslime, aber etwa ein Fünftel der Kämpfer sind Konvertiten.

Die Botschaften der Islamisten richten sich auch an die Ungläubigen, vor allem an den so verhassten Westen. Professionell inszenierte Videos von Hinrichtungen sollen Angst und Schrecken verbreiten. Es geht darum, ein dualistisches Weltbild aufzuzeigen. Es gibt nur richtig und falsch, gut und böse. Man kann beobachten, dass sich die Argumentation der Dschihadisten verändert hat. Sie bieten Vieles an, was junge Menschen überzeugen könnte, sich der Organisation anzuschließen.

Das Internet ist somit ein gefährliches und sehr effektives Instrument der islamischen Extremisten. Die Radikalisierungsgefahr im Internet nimmt verstärkt zu. Man muss diese Entwicklung sehr ernst nehmen und dafür Sorge tragen, dass junge Menschen über diese Gefahren aufgeklärt werden. Als Reaktion auf diese besorgniserregenden Entwicklungen wurde im Jahr 2007 das Gemeinsame Internetzentrum (GIZ) gegründet. Aufgabe ist die Beobachtung und Auswertung von islamistischen und dschihadistischen Inhalten im Internet. Beim GIZ arbeiten Vertreter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des Bundesnachrichtendienstes, des Bundeskriminalamtes und der Generalbundesanwaltschaft zusammen.

Ein Projekt der Jungen Journalisten Saar e.V.