Die Anziehungskraft des Salafismus

Was macht den Salafismus für Jugendliche so attraktiv?

Die Zahlen sind alarmierend. Etwa 600 junge Menschen aus Deutschland haben sich auf den Weg nach Syrien gemacht, um dort an Seite des IS zu kämpfen. Die Anziehungskraft dieser fanatischen Gotteskrieger scheint groß, da weltweit ein Anstieg der Dschihadisten zu beobachten ist, wovon ein Großteil für den „Islamischen Staat“ kämpft. In Deutschland gibt es schätzungsweise etwa 7000 radikalisierte Salafisten. Eine Gefahr ist vor allem in den Syrien-Rückkehrern zu sehen. Man muss davon ausgehen, dass sie sich im Umfeld der Islamisten stark radikalisiert haben und nun in die Gemeinden zurückkehren.

Was aber macht den Salafismus für junge Menschen so attraktiv? Wieso ziehen salafistische Prediger wie Pierre Vogel so viele Jugendliche an?

Zielgruppe salafistischer Gruppen sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Sie nutzen unter anderem die Tatsache aus, dass der Islam in der Öffentlichkeit oft mit einer negativen Konnotation diskutiert wird. Dieser Umstand verunsichert viele junge Menschen, die dieser Glaubensrichtung angehören. Der von ihnen praktizierte Glaube, der häufig großer Bestandteil ihrer Identität ist, stößt oft auf Ablehnung. Als Konsequenz geraten einige in eine Identitätskrise, fühlen sich ausgeschlossen und minderwertig. Das führt dazu, dass viele junge Muslime sich verstärkt mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Oft stoßen sie bei Eltern und Schule auf wenig Gehör, weshalb sie sich im Internet informieren. Dies spielt in die Karten salafistischer Gruppen, denn das Internet ist eine optimale Plattform für salafistische Propaganda. Die Salafisten wissen sich im Internet zu präsentieren und bieten vielen Jugendlichen eine Quelle für Fragen bezüglich des islamischen Glaubens. Sie versprechen, was den Jugendlichen so oft fehlt: Anerkennung, Gemeinschaft und Zugehörigkeitsgefühl. Dadurch stürzen sich viele junge Muslime in eine idealisierte islamische Identität. Hierbei erreichen die Salafisten nicht nur muslimische Glaubensbrüder, es gibt mittlerweile auch zahlreiche Konvertiten, die sich der salafistischen Ideologie anschließen.

Seit 2005 sind in Deutschland viele salafistische Gruppen entstanden, die das vermeintlich wahre Wort Gottes predigen. Ihre Auslegung des Korans ist gottgefällig und verspricht die Aufnahme in das Paradies. Sie wenden sich an Muslime und Nicht-Muslime mit der Aussicht auf Orientierung und Identität, womit sie eine klare Richtung mit Strukturen vorgeben. In den salafistischen Gemeinschaften finden viele Anhänger das, was ihnen fehlt: eine Perspektive. Sie können sich an festen Normen und Werten orientieren, denn oft ist zu beobachten, dass Anhänger der salafistischen Ideologie aus schwierigen oder brüchigen Verhältnissen kommen, persönlich und beruflich gescheitert sind. Der Hass der Salafisten auf das, was dem Islam widerspricht, ist in vielen Fällen eine psychologische Bewältigungsstrategie, um das persönliche Scheitern und die empfundene Benachteiligung in der Gesellschaft zu kompensieren.

Pierre Vogel legt den Jugendlichen nahe, dass es nie zu spät sei, zum Glauben zurückzufinden und sich von den Sünden reinzuwaschen. Diese Rückkehr zum Glauben dient vielen als Ausweg vom Alltag, in dem sie nicht zurecht kommen. Prediger wie Pierre Vogel oder Hassan Dabbagh wirken sehr charismatisch und verbreiten ihre Ideologie in einer für die Jugendlichen ansprechenden Art und Weise. Außerdem predigen sie auf Deutsch, was von vielen dankend angenommen wird, da sie teilweise nur schlecht arabisch oder türkisch sprechen. Überdies finden sie Anklang bei Konvertiten, die der arabischen Sprache nicht mächtig sind.

Wissen, Wahrheit, Gehorsam, Gemeinschaft, Gerechtigkeit

Es gibt also zahlreiche Gründe, die den Salafismus besonders für Jugendliche attraktiv machen. Zusammenfassend kann man das, was die salafistischen Gruppen anbieten in folgenden Stichpunkten bündeln: Wissen, Wahrheit, Gehorsam, Gemeinschaft und Gerechtigkeit. In den salafistischen Kreisen erhoffen sich die Jungendlichen, Wissen über ihren Glauben zu erlangen. In einer Sprache, die für sie verständlich ist. Überdies organisieren die Salafisten Informationsveranstaltungen, die die Möglichkeit bieten, sich mit anderen Jugendlichen mit ähnlichem Hintergrund und Lebenssituationen zu treffen. Die Unverbindlichkeit dieser Veranstaltungen ist für viele eine attraktive Alternative zu den klassischen Koranschulen. Des Weiteren beanspruchen es die Salafisten für sich, die Wahrheit zu kennen. Der islamische Glaube und die salafistische Ideologie tragen viele Widersprüche in sich. Oft führt dies dazu, dass junge Muslime, deren Kenntnis über den Islam meist gering ist, verunsichert sind. Die Salafisten bieten mit ihrer Schwarz-Weiß-Denkweise eine Stütze. Sie wissen, was richtig und was falsch ist. Anhand dessen kann eine Richtung vorgegeben werden, wie man sein Leben zu führen hat. Typisch für junge Menschen ist außerdem, dass sie sich gegen etablierte Strukturen auflehnen. Sie sind auf der Suche nach einem Weg. Diese Hürde nehmen ihnen die Salafisten, indem sie allein den Gehorsam vor Gott vorschreiben. Ferner ist Gemeinschaft ein sehr wichtiger Faktor, der den Salafismus attraktiv macht, da Salafisten Halt in ihrer Gemeinschaft versprechen. Viele junge Menschen, die sich in einer Identitätskrise oder schwierigen Lebenssituation befinden, suchen Zuflucht bei den Salafisten. Hier stoßen sie auf Gleichgesinnte, die verstehen, mit welchen Problemen man sich quält. Die klaren Strukturen, Werte und Normen innerhalb der salafistischen Gemeinschaft bieten einen Rückhalt, dort ist man umgeben von Brüdern und Schwestern. Dieses starke Gruppengefühl kompensiert oft die eigene Unsicherheit und Perspektivlosigkeit. Diese Gemeinschaft der Salafisten behauptet zudem von sich selbst, dass sie für die Gerechtigkeit in der Welt kämpfen. In vielen Teilen der Welt, u.a. in der arabischen Welt, gibt es viel Leid und Elend; Kriege, Glaubenskriege und Armut machen vielen Menschen zu schaffen. Diesen Umstand instrumentalisieren die Salafisten für ihre eigenen Ziele. Hierbei klären sie nicht über die Hintergründe auf und versuchen Lösungsansätze zu schaffen. Vielmehr vereinfachen sie die Problematik auf einen Konflikt zwischen gut und böse. Dabei stehen die Salafisten auf der guten Seite und setzen sich für die Muslime in der ganzen Welt ein, da es die Pflicht ist, für den wahren Islam zu kämpfen. Dieser Ansatz fördert unter Umständen die Gewaltbereitschaft vieler Islamisten.

Ein Projekt der Jungen Journalisten Saar e.V.